Chronologie 100 Jahre SSV-NWS
100 Jahre SSV Nordwestschweiz oder 100 Jahre Wembley
Was haben das Wembley-Stadium in London und der Schweizer Schiedsrichterverband (SSV) der Nordwestschweiz gemeinsam? Das wohl berühmteste Fussballstadion der Welt und «unser» Regionalverband wurden beide im Jahr 1923 eröffnet und gegründet.
Was ist vor 100 Jahren alles passiert? Ein Blick zurück ist beeindruckend:
Nach einem Putsch in München verkündet Adolf Hitler die Absetzung der Weimarer Republik.
Ankara wird die neue Hauptstadt der Türkei.
Das Ende des Bürgerkrieges in Irland, die Länder Nordirland und die Republik Irland entstehen.
In Wien wird eine Vorläuferorganisation der Interpol gegründet.
Des Unternehmen Gucci eröffnet die erste Werkstatt in Florenz.
Der spätere britische König Georg VI heiratet Elizabeth Bowes-Lyon.
Das Goetheanum in Dornach (Anthroposophische Lehre) wurde durch ein Brand zerstört.
Erstes 24 Stunden-Rennen von Le Mans.
Geboren wurden vor 100 Jahren:
Henry Kissinger Aussenminister und Diplomat der USA
Richard Attenborough britischer Schauspieler und Regisseur
Horst Tappert deutscher Schauspieler (Derrick „Harry hol schon mal den Wagen“)
Von der Gründung bis 1950 – ein Auf und Ab
DAS Ereignis des Jahres 2023 fand aus regionaler Schiedsrichteroptik am 10. März um 16:30 Uhr statt. In jenen Minuten ging im Hotel Baur am Blumenrain in Basel die Gründungsversammlung des SSV-NWS (zuvor unter dem Namen Schiedsrichter-Vereinigung Zentralschweiz II) über die Bühne. Das Gründungsprotokoll von 1923, dieses historische Dokument, ist im Besitz unseres Verbandes.
18 von insgesamt 25 aktiven Schiedsrichtern folgten damals der Einladung zur Gründungsversammlung. Der Idealismus bei den Initianten Karl Hänggi (SC Helvetik), Richard Butz (Concordia) und Friedrich Plüss (Black Stars) muss schon sehr gross gewesen sein. Aus wirtschaftlichen Gründen hätte es bestimmt bessere Momente für eine Verbandsgründung gegeben als nach einem Weltkrieg 1914-1918 und der anstehenden Wirtschaftskrise mit ihrem Börsencrash in New York, welche ihren Höhepunkt 1929 hatte. Aber die Unzufriedenheit betreffend der Spielzuteilung und der Weiterbildung durch den SFAV (heute SFV) liessen den heimischen Schiedsrichtern in den unteren Ligen keine andere Wahl. Der Erste Vorstand unseres Verbandes setzte sich dann folgendermassen zusammen. Fritz Wanzenried (Präsident, FC Concordia), Richard Butz (Vize-Präsident), Otto Müller (Sekretär, FC Basel), Franz Schaub (Finanzen, Old Boys) sowie Friedrich Plüss (Beisitzer).
Die ersten Jahre waren nervenaufreibend. Nicht weniger als 9 verschiedene Präsidenten gaben sich in den ersten 10 Verbandsjahren die Ehre. Aus Frust über die mangelnde Wertschätzung (keine Anerkennung durch den SFV, keine Gratistickets zu Spielen des SFV) stand die Auflösung unseres Verbandes zur Debatte. Heute können wir glücklicherweise sagen, dass diese Auflösung an der Mitgliederversammlung 1927 mit 13:9 Stimmen abgelehnt wurde. Die damals erhobenen Mitgliederbeiträge sind heute kaum mehr vorstellbar. Die Aktiven bezahlten drei Franken, die Passiven und Vereine hingegen fünf Franken.
Einen grossen Verdienst betreffend den Lehrabenden gebührt Arthur Schmid vom FC Nordstern. Er genoss damals eine hohe Fach- wie auch Sozialkompetenz. Mit der Einführung des Schiedsrichterpasses (gratis Matchtickets) 1929 stabilisierte und verbesserte sich die Zusammenarbeit mit dem SFV. Allerdings stand unserem Verband gleich die nächste Herausforderung bevor: der zweite Weltkrieg von 1939-1945. Viele Schiedsrichterkollegen wurden damals ins Militär einberufen, worunter der Spielbetrieb und auch das Verbandsleben litten. Und trotzdem meisterte der SSV-NWS auch diese Krise. Die Mitgliederzahl vervierfachte sich. Zudem gab es etwas zu feiern:
Am 12. Juni 1948 ging im Gundeldinger-Casino die Feier «25 Jahre SSV-NWS» über die Bühne.
1951 - 1980 – ein gewisser Gotti Dienst
1954 war für den Verband und Basel ein wichtiges Jahr. Durch die Fussball-WM im eigenen Land und der Errichtung des St. Jakob Stadions gewann auch die Schiedsrichterei viel an Aufmerksamkeit. Mit dem Wirtschaftsaufschwung in den 1950er und 1960er Jahren stiegen die Mitgliederzahlen kontinuierlich gegen die 250 an. Vielleicht lag dies am berühmtesten Schweizer Schiedsrichter aller Zeiten, dem Kleinbasler Gottfried «Gotti» Dienst, Mitglied des SC Kleinhüningen, der notabene ebenfalls 1923 gegründet worden wurde…
Als Basler leitete Gotti Dienst in dieser Zeit unzählige Spiele, national wie auch international, mit dem Höhepunkt des WM-Finals von 1966 zwischen England und Deutschland (4:2 n.V.) im legendären Wembley in London. Wenn es zu dieser Zeit schon einen VAR gegeben hätte, wäre der Bekanntheitsgrad des Kleinbaslers schnell verblasst. Doch noch heute ist der Begriff «Wembley Tor», das 3:2 von Geoff Hurst in der 101. Minute, als der Ball von der Torlatte, auf vor oder hinter die Torlinie prallte, aus der Historie des Weltfussballs nicht wegzudenken. Doch Gotti Dienst hinterliess nicht nur im Weltfussball seine Spuren. Zusammen mit anderen SR-Kollegen aus der Nordwestschweiz rief er 1964 den Ceppi-Cup (Schiedsrichter spielen gegen Schiedsrichter aus anderen Regionen) ins Leben, der noch heute existiert. Natürlich steht auch hier unser Verband nach über 150 Partien als Rekordsieger da. Auch aktuell ist der Pokal in unserem Besitz.
Am 23. November 1963 feierte unser Verband sein 40-jähriges Bestehen im Saalbau Breite.
Unser Verband hat in den mittleren Jahrzehnten immer wieder eine stattliche Anzahl an Oberligaschiedsrichter hervorgebracht: Rolf Blattmann, Peter Bochsler, Bobby Boller, Claudio Circhetta, Gottfried Dienst, Ernst Dörflinger, Kurt Fuchs, Josef Heymann, Adrien Jaccottet, Karl Keller sowie Andreas Schluchter. Namentlich sind dies nur einige Schiedsrichter aus der Nordwestschweiz, die national in der höchsten Liga und teilweise auch international tätig gewesen sind.
1967 wurde der bis heute bestehende Hilfsfond eingeführt. Unser Verband hatte schon immer ein offenes Ohr für die notleidenden Menschen. War es zu Beginn der Fünfzigerjahre eine Patenschaft eines Kindes im Pestalozzi-Dorf, gehen seit Jahrzenten die Beträge aus der Tellersammlung der Mitgliederversammlung an karitative Organisationen. Die letzten Jahre war dies das WBZ (Wohn-und Bürozentrum für Körperbehinderte) in Reinach, bei welchem unser Verband auch auf der Spendentafel aufgeführt ist.
Am 17. November 1973 traf sich die SR-Familie im Landgasthof Riehen zum 50. Geburtstag.
1981-2023: Feurer, Kobi, Schaub und Koweindl
Nachdem sich die ersten Jahrzehnte als eher turbulent und schwierig erweisen hatten, verliefen die letzten 40 Jahre meist kontinuierlich. Von 1984-1994 machte der leider allzu früh verstorbene – Kurt (Pongo) Kobi vom SV Muttenz den Anfang. Ihm folgte von 1994-2005 Bruno Schaub (FC Nordstern/VFR Kleinhüningen) und von 2008-2022 Roger Koweindl (VFR Kleinhüningen). Alle drei Präsidenten wurden für ihre grossen Verdienste auch zu Ehrenpräsidenten gewählt.
Am 25. Mai 1951 wurde Albert Feurer (1933-1938 Präsident) in Anerkennung seiner Verdienste zum ersten Ehrenpräsidenten des SSV-NWS gewählt.
Mit Kurt Kobi amtierte während zehn Jahren ein gewerkschaftlich orientierter Präsident, der später in Muttenz auch als Gemeinderat tätig war.
Bruno Schaub war als Lehrer für das Amt des SSV-NWS Präsidenten prädestiniert.
Roger Koweindl war es als Lokführer gewohnt, an vorderster Front zu sein.
Tradition und Beständigkeit sind ein wichtiger Teil unseres Verbands. Seit 1964 organisieren unsere Schiedsrichterkollegen den Winterbummel, welcher jedes Jahr am 2. Samstag im Januar stattfindet. Auch unser Jass-Turnier («Otto-Zuber-Turnier»), welches mit seinem Vorgänger seit über 75 Jahre stattfindet, zählt zu unseren traditionellen Events.
Ein Novum im Schweizer Schiedsrichterwesen war in den 90er Jahren das Ehepaar Schluchter. Andreas war der Mann in der Mitte, und seine Frau Veronika unterstützte ihn an der Seitenlinie. Die beiden waren national wie auch international im Einsatz. Natürlich sind auch Vroni und Andi Ehrenmitglieder in unserem Verband.
Wegen fehlender finanzieller Ressourcen fand die Feier zum 60-jährigen Bestehen unseres Verbandes im Rahmen der Mitgliederversammlung vom 24. Juni 1983 im Volkshaus statt.
Das 75-jährige wurde am 7. November 1998 im Casino Romanix in Rheinfelden durchgeführt.
Zum 90. Geburtstag traf sich die SR-Gilde am 7. Dezember 2013 im Hotel Victoria in Basel.
EIN Phänomen begleitet uns seit der Gründung, nämlich der Mangel an Schiedsrichtern. War es zur Anfangszeit nicht populär Schiedsrichter zu sein, ist heute die Konkurrenz an Freizeitangeboten überwältigend. Auch das Thema Gewalt gegenüber den Schiedsrichtern ist keine neuzeitliche Erscheinung. Schon in den 70er Jahren hat unser Verband gegenüber dem nationalen SSV, wie auch dem regionalen Fussballverband intensiv angeregt, das Strafmass bei Übergriffen auf Schiedsrichter zu erhöhen.
In der jüngeren Vergangenheit hat sich der Neujahrs-Apéro, verbunden mit einem Fondue, zu einem beliebten Event etabliert. Ebenfalls einzigartig in der Schweiz organisiert der SSV-NWS ein Trainingslager in Spanien für die Schiedsrichter im Breitensport. Wir schauen positiv in die Zukunft und hoffen sehr, dass beide Anlässe auch in ferner Zukunft stattfinden werden.
Kurz vor Ende des ersten Jahrhunderts unseres Verbandes (2020-2022), wurde das Schiedsrichterwesen auf eine harte Probe gestellt. Der Grund war die Covid-19-Pandemie. Ab März 2020 war der Spielbetrieb komplett eingestellt, dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf unsere Verbandstätigkeiten. Unter höchsten Gesundheitsbestimmungen fand im September 2021 nach einer 2-jährigen Pause wieder eine Mitgliederversammlung statt. Eine gewisse Normalität kehrte erst wieder ab der Mitgliederversammlung im Juni 2022 ein.
Handschrift, Schreibmaschine, Hellraumprojektor, Computer, Tablets, Beamer, Bildschirm, Clubcorner, Facebook, Instagram, BeUnity und in Zukunft vielleicht KI (künstliche Intelligenz). Hier sieht man am besten die Entwicklung der letzten 100 Jahre vom Analogen zum Digitalen. Bis 1934 wurde das Protokoll von Hand geschrieben, danach lange Zeit mit der Schreibmaschine. In den 90er Jahren setzten sich immer mehr der Computer und die E-Mails durch. Die Tage des Hellraumprojektors waren auch gezählt. Mittlerweile werden via WLAN und Bluetooth die Geräte verbunden. Die Sitzungen sowie Protokolle, früher eine zeitaufreibende Angelegenheit, werden heute zur Hälfte online durchgeführt. Selbst ein Spielaufgebot, damals durch die Post verschickt, muss man heute selbstständig im Clubcorner eruieren. Fand früher der Gedankenaustausch bei den Zusammenkünften statt, tauscht man sich zwischenzeitlich über die Plattform BeUnity aus.
Welche Auswirkungen hat die künstliche Intelligenz im Schiedsrichterwesen? Ehrlich, ich möchte es nicht wissen. Man sieht, wie wichtig die Vergangenheit für unseren Verband war und trotzdem sollte man auch für die Zukunft gerüstet sein. Einhundert Jahre Verbandstätigkeit, immer zum Wohle der Schiedsrichter, sind eine lange Zeit. Der SSV-NWS möchte sich bei allen Mitwirkenden, welche in irgendeiner Form für unser Verband in den letzten 100 Jahren tätig gewesen sind, herzlich bedanken.
Das Jubiläumsfest am 25. November dieses Jahres im Volkshaus (150 Gäste) bildet somit einerseits den Höhepunkt unseres Jubiläums, aber zugleich auch den Start in das zweite Jahrhundert.